Gesang


Mittelhochdeutsch:

Beginnen wir mit Minneliedern des bekanntesten deutschen Lied- und Sangspruchdichters Walther von der Vogelweide (ca. 1170-1230).

Under der linden

Walther v. d. Vogelweide

Under der linden
an der heide, dâ unser zweier bette was,
dâ mugt ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

 

Ich kam gegangen
zuo der ouwe:
dô was min friedel komen ê.
dâ wart ich enpfangen,
hêre frouwe,
daz ich bin saelic iemer mê.
kuster mich? wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht wie rôt mir ist der munt.

Dô het er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken wâ mirz houbet lac.

Daz er bî mir læge,
wessez iemen
(nu enwelle got!), sô schamt ich mich.
wes er mit mir pflæge.
niemer niemen
bevinde daz, wan er unt ich,
und ein kleinez vogellîn:
tandadarei,
daz mac wol getriuwe sin.

(Pastourelle in Form eines Frauenmonologs, gehört zu der niederen Minne.)

Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd.1, S. 612.


Wol mich der stunde

Walther v. d. Vogelweide, 1197

Wol mich der stunde, daz ich sie erkande,
diu mir den lîp und den muot hât betwungen.
Sit deich die sinne sô gar an sie wande,
der sie mich hât mit ir güete verdrungen.
daz ich gescheiden von ir niht enkan,
daz hât ir schoene und ir güete gemachet,
und ir rôter munt, der so lieplichen lachet.

Ich hân den muot und die sinne gewendet
wohl an die reinen, die lieben, die guoten.
daz müez uns beiden wol werden volendet,
swes ich getar an ir huide gemuoten.
Swaz ich noch fröiden zer werlde ie gewan,
daz hat ir schoene und ir güete gemachet,
und ir rôter munt, der sô lieplichen lachet.


Owê wie jaemerliche...

Walther v.d. Vogelweide schuf nicht nur Lieder der Minne, sondern auch sogenannte Kreuzzugslieder. Hier wirbt er für den Kreuzzug Friedrichs II. 1228/29; der König wurde vom Papst Gregor IX. gebannt.

Owê wie jæmerlîche junge liute tuont
den ê vil hovelîchen ir gemüete stuont!
die kunnen niuwan sorgen: ouwê wie tuont si sô?
swar ich zer werlte kêre, da ist nieman frô:
tanzen, lachen, singen zergât mit sorgen gar:
nie kein kristenman gesach sô jaemerlîche schar.
nû merkent wie den frouwen ir gebende stât:
die stolzen ritter tragent an dörpellîche wât.
uns sint unsenfte brieve her von Rôme komen,
uns ist erloubet trûren und fröide gar benomen.
daz müet mich inneclîchen (wir lebten ie vil wol),
daz ich nû für mîn lachen weinen kiesen sol.
die vogel in der wilde betrüebet unser klage:
waz wunders ist ob ich dâ von an fröiden gar verzage?
wê waz spriche ich tumber man durch mînen bœsen zorn?
swer dirre wünne volget, hât jene dort verlorn,
iemer mêr ouwê.

Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd.1, S. 654.



Palästinalied

Dies Lied wurde von Walther von der Vogelweide für den Kreuzzug Friedrichs II. 1228 gedichtet, die Melodie stammt von dem Troubadour Jaufre Rudel. Das komplette Lied besitzt zwölf Strophen.

Allerêrst lebe ich mir werde,
sît mîn sündic ouge siht
daz reine lant und ouch die erde
der man sô vil êren giht.
mirst geschehen des ich ie bat,
ich bin komen an die stat
dâ got mennischlîchen trat.

Schoeniu lant rîch unde hêre,
swaz ich der noch hân gesehen,
sô bist duz ir aller êre.
waz ist wunders hie geschehen!
daz ein magt ein kint gebar
hêre über aller engel schar,
waz daz niht ein wunder gar?

Hie liez er sich reine toufen,
daz der mensche reine sî.
sît liez er sich hie verkoufen,
daz wir eigen wurden frî.
anders waeren wir verlorn.
wol dir, sper kriuz unde dorn!
wê dir, heiden! deist dir zorn.

Hinnen fuor der sun zer helle
von dem grabe, da´r inne lac.
des was ie der vater geselle,
und der geist, den niemen mac
sunder scheiden: êst al ein,
sleht und ebener danne ein zein,
als er Abrahâme erschein.

Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd.1, S. 650-652, mit Melodie und Original-Blatt.



Owê

ein trauriges Owê, von Heinrich von Morungen. Er dichtete das folgende Tagelied um das Jahr 1200. Es wird im Wechsel zwischen Mann und Frau gesungen, die unglücklich darüber sind, sich nach einer gemeinsamen Nacht trennen zu müssen.

Owê, sol aber mir iemer mê
geliuhten dur die naht
noch wîzer danne ein snê
ir lîp vil wol geslaht?
der trouc diu ougen mîn:
ich wânde, ez solde sîn
des liehten mânen schîn,
dô taget ez.

Owê, sol aber er immer mê
den morgen hie betagen?
als uns diu naht engê,
daz wir niht durfen klagen:
"owê, nu ist ez tac",
als er mit klage pflac
do'r jungest bî mir lac.
dô taget ez.

Owê, si kuste âne zal
in dem slâfe mich.
dô vielen hin ze tal
ir trêne nidersich,
iedoch getrôste ich sîe,
daz si ir weinen lî
und mich al ummevî/umbevie.
dô taget ez.

Owê, daz er sô dicke sich
bî mir ersêen hât!
als er endahte mich,
sô wolte er sunder wât
min arme/mich armen schouwen blôz.
ez was ein wunder grôz
daz in des nie verdrôz.
dô taget ez.

(Heinrich war Ministerialer der Markgrafen von Meißen und starb 1222. Das Tagelied wurde u.a. in der Manessischen Liederhandschrift vom Anfang des 14. Jh. gefunden. Zwei Variationen aus anderen Handschriften habe ich hier aufgenommen.)

Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd.1, S.656-659.


Ich was ein chint so wolgetan

Wie es einem Mädchen so ergehen kann, wenn es sich von einem Kerl in den Wald führen läßt...

Ich was ein chint so wolgetan,
virgo dum florebam,
do brist mich diu werlt al,
omnibus placebam.
Refr. Hoy et oe!
Maledicantur tilie
iuxta viam posite!

Ia wolde ih an die wisen gan,
flores adunare,
do wolde mich ein ungetan
ibi deflorare.
Refr. Hoy et oe...

Er nam mich bi der wizen hant,
sed non indecenter,
er wist mich diu wise lanch
valde fraudulenter.
Refr. Hoy et oe...

Er graif mir an daz wize gewant
valde indecenter,
er furte mih bi der hant
multum violenter.
Refr. Hoy et oe...

Er sprach: «vrowe, gewir baz!
Nemus est remotum.»
Dirre wech, der habe haz!
Planxi et hoc totum.
Refr. Hoy et oe...

«Iz stat ein linde wolgetan
non procul a via,
da hab ich mine herphe lan,
tympanum cum lyra.»
Refr. Hoy et oe...

Do er zu der linden chom,
dixit: «sedeamus»,
- diu minne twanch sêre den man -
«ludum faciamus!»
Refr. Hoy et oe...

Er graif mir an den wizen lip,
non absque timore,
er sprah:«ich mache dich ein wip,
dulcis es cum ore!»
Refr. Hoy et oe...

Er warf mir uf daz hemdelin,
corpore detecta,
er rante mir in daz purgelin
cuspide erecta.
Refr. Hoy et oe...

Er nam den chocher unde den bogen,
bene venabatur!
Der selbe hete mich betrogen.
«ludus compleatur!»
Refr. Hoy et oe...

Pastourelle der Carmina Burana, um 1220/30 in Benediktbeuern niedergeschrieben.

Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd.1, S.450-452.


 

Originaltext   Übersetzung 
Ich zôch mir einen valken    mêre danne ein jâr.
dô ich in gezamete,    als ich in wolte hân,
und ich im sîn gevidere    mit golde wol bewant,
er huop sich ûf vil hôhe    und floug in anderiu lant.

 

Ich zog mir einen Falken heran,    länger als ein Jahr.
Als ich ihn gezähmt hatte,    so wie ich ihn haben wollte,
und ich ihm sein Gefieder    mit Gold schön geschmückt hatte,
hob er sich empor    und flog in ein anderes Land.

 

mêre danne 'mehr als'. - als 'so, wie'. - bewant (zu bewinden) 'umwinden'. - vil 'sehr'.

Sît sach ich den valken    schône fliegen:
er fuorte an sînem fuoze    sîdîne riemen,
und was im sîn gevidere    alrôt guldîn.
got sende si zesamene,    die geliep wellen gerne sîn!
Seither sah ich den Falken    herrlich dahinfliegen:
Er trug an seinem Fang    seidene Bänder,
und sein Gefieder war    ganz rotgolden.
Gott sende die zusammen,    die gerne geliebt sein wollen!

schône 'schön'. - fuorte 'führte'. - fuoz 'Fuß'; in der Falknersprache 'Fang'. - riemen 'Riemen; Band'. - im 'ihm'. - al-rôt 'ganz rot'. - ge-liep 'einander lieb'. - geliep wellen sîn wörtlich: 'einander lieb sein wollen'.


Der Kürenberger

„Slâfest du, friedel ziere?
   man wecket uns leider schiere.
ein vogellîn sô wol getân,
   daz ist der linden   an daz zwî gegân.“
„Schläfst du, schöner Geliebter?
   Man weckt uns leider bald.
Ein Vögelein, so wohlgestalt
   das ist auf der Linde   Zweig geflogen.“
„Ich was vil sanfte entslâfen,
   nu rüefest du kint ‚Wâfen‘.
liep âne leit mac niht gesîn.
   swaz du gebiutest,   daz leiste ich, friundîn mîn.“
„Ich war sehr sanft eingeschlafen,
   nun rufst du, Kind, ‚auf, auf!‘.
Liebe ohne Leid kann nicht sein.
   Was du gebietest,   das tue ich, meine Freundin.“
Diu frouwe begunde weinen:
   „Du rîtest und lâst mich eine.
wenne wilt du wider her zuo mir?
   ôwê, du füerest   mîn fröude sament dir!“
Die Frau begann zu weinen.
   „Du reitest und lässt mich alleine.
Wann willst du wieder her zu mir?
   O weh, du nimmst   mein Glück mit dir!“

Dietmar von Aist  vor 1140; † nach 1171

Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden,
diu mit ein ander wâren nu manige zît.
der lîp wil gerne vehten an die heiden,
sô hât iedoch daz herze erwelt ein wîp
vor al der werlt. daz müet mich iemer sît,
daz siu ein ándèr niht volgent beide.
mir habent diu ougen vil getân ze leide.
got eine müese scheiden noch den strît.
Ich wânde ledic sîn von solicher swære,
dô ich daz kriuze in gotes êre nam.
ez wære ouch reht, daz ez alsô wære,
wan daz mîn stætekeit mir sîn verban.
ich solte sîn ze rehte ein lebendic man,
ob ez den tumben willen sîn verbære.
nu sihe ich wol, daz im ist gar unmære,
wie ez mir süle án dem ende ergân.

 

Friedrich von Hausen zwischen 1150 und 1160, genauer Geburtsort unbekannt; † 6. Mai 1190 bei Philomelium in Kleinasien, war ein Minnesänger


Liedbeispiel  

Wie sich minne hebt daz weiz ich wol
Wie sich minne hebt daz weiz ich wol;
wie si ende nimt des weiz ich niht.
ist daz ich es inne werden sol
wie dem heræen herzeliep geschiht,
sô bewar mich vor dem scheiden got,
daz wæn bitter ist.
disen kumber fürhte ich âne spot.
Swâ zwei herzeliep gefriundent sich
unde ir beider mmne em triuwe wirt,
die sol niemen scheiden, dunket mich,
al die wîle unz si der tôt verbirt.
wær diu rede mîn, ich tæte alsô:
verlüre ich mînen friunt,
seht, sô wurde ich niemer mêre frô.
Der ich diene und iemer dienen wil,
diu sol mîne rede vil wol verstân.
spræche ich mêre, des wurd alze vil.
ich wil ez allez an ir güete lân.
ir genâden der bedarf ich wol.
und wil si, ich bin vrô;
und wil si, so ist mîn herze leides vol.

Übersetzung:

Wie Liebe beginnt, das weiß ich gut; wie sie endet, weiß ich nicht. Sollte ich erfahren, wie dem Herzen Herzensliebe zuteil wird, so bewahre mich Gott vor dem Scheiden, das gewiss sehr bitter ist. Diesen Kummer fürchte ich sehr. // Wenn zwei einander von Herzen lieb haben und ihrer beider Liebe Treue wird, soll keiner sie scheiden, bis es der Tod tut. Beträfe es mich, erginge es mir so: Wenn ich meine Geliebte verlöre, sehet, würde ich nie mehr froh werden. /// Der ich diene und immer dienen werde, die wird gut verstehen, was ich meine. Sagte ich mehr, wäre es allzuviel. Über all das soll ihre Güte entscheiden. Ihre Zuneigung brauche ich sehr. Und will sie, so bin ich froh und zugleich ist mein Herz voll Leid.


Albrecht von Johansdorf auch Albertus de Janestorf oder Der von Johansdorf, * vor 1180; † nach 1209 war ein Minnesänger. Er ist vor allem für seine Kreuzzugslyrik bekannt.

 

Under der linden (Lachmann 39,11) ist ein Lied Walthers von der Vogelweide. Es thematisiert das Liebeserlebnis eines anscheinend einfachen Mädchens mit ihrem höfischen Geliebten in der freien Natur. Walthers „Mädchenlieder“, deren bekanntestes dieses ist, lösen zeitlich wahrscheinlich die Phase seiner Jugendlieder, die stark vom klassischen Minnesang geprägt ist, ab. Sie zeigen die Abkehr vom Ideal der „Hohen Minne“ des Ritters zur höhergestellten Dame, die unerfüllt bleibt. Walther hat in verschiedenen Liedern das Wesen von Hoher und Niederer Minne charakterisiert und schließlich das neue Ideal der „ebenen Minne“ – einer erfüllten Liebe von gleich zu gleich – entwickelt

Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ muget ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
Vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Unter der Linde
an der Heide,
wo unser beider Bett war,
dort könnt ihr
sorgsam
gepflückte Blumen und Gras sehn.
In einem Tal am Waldrand,
tandaradei,
sang die Nachtigall lieblich.

‚da‘ (lokal). – mugen ‚können‘. – vinden ‚finden; vorfinden, erkennen‘. – schône ‚schön‘. – beide … unde ‚sowohl … als auch‘. – tandaradei von Walther für den Gesang der Nachtigall erfundenes lautmalendes Wort.

Ich kam gegangen
zuo der ouwe,
dô was mîn friedel komen ê.
Dâ wart ich enpfangen,
hêre frouwe,
daz ich bin sælic iemer mê.
Kuster mich? Wol tûsentstunt:
tandaradei,
seht, wie rôt mir ist der munt.

Ich kam zu der Au
gegangen,
da war mein Liebster schon da (wörtlich: vorher hingekommen).
Dort wurde ich empfangen, wie eine höfische Dame (oder Ausruf:
„Bei der heiligen Muttergottes!“, oder: ich, eine höfische Dame)
(so) dass ich für immer glücklich bin.
Küsste er mich? Wohl tausendmal!
Tandaradei,
seht, wie rot mir der Mund davon ist.

ouwe ‚wasserreiches Wiesenland; Wiese in der Nähe eines Gewässers; Wiese; Au‘. – ‚da‘ (temporal). – friedel ‚Geliebter‘. – ê ‚vorher; eher‘. – wart ‚wurde‘. – hêr ‚vornehm; edel‘. – frouwe ‚Dame; Herrin‘. – hêre frouwe ‚edle Herrin‘ kann auch Anrede an die Muttergottes sein. Die Zeile ist für uns (sicher nicht für Walthers Zeitgenossen) dreideutig: 1. ‚ich, eine höfische Dame‘ (das ist die wörtliche Übersetzung. Dann wäre das Mädchen tatsächlich eine höfische Dame; diese Deutung widerspricht aber der Situation des Liedes: eine hochadlige Jungfrau wäre zu gut behütet, um sich mit ihrem Geliebten in der Au treffen zu können) 2. ‚ich wie eine höfische Dame‘ (dann wäre das Mädchen keine adlige Dame, aber der Geliebte hätte sie, durch die sorgfältige Vorbereitung von Rosen usw., wie eine solche behandelt; diese Deutung kann man sich gut vorstellen, aber sie erfordert die syntaktische Ergänzung des ‚wie‘, das nicht im Text steht). 3. Ausruf ‚Heilige Maria!‘. Mit dieser Deutung hat man weder eine interpretatorische Schwierigkeit (wie bei Deutung 1), da sich aus der Situation ein Ausruf gut verstehen ließe, noch eine grammatikalische (wie bei Deutung 2), da ein Ausruf keine weiteren Satzglieder erfordert. Deutung 3 war daher früher allgemein akzeptiert. Es wäre jedoch das einzige Mal, dass Walther diesen Ausruf verwendet; daher ist man heute skeptisch. Allerdings benutzt Walther (als Mann) hêrre got! auch als ungläubigen Ausruf (nicht nur in einem Gebet); da kann man ihn wohl das Mädchen Maria! als ungläubigen Ausruf benutzen lassen. Wie geläufig solche Ausrufe in der Alltagssprache tatsächlich waren, wissen wir nicht, da wir zu wenig Belege mittelalterlicher Alltagssprache haben. [2]

Dô het er gemachet
alsô rîche
von bluomen eine bettestat.
Des wirt noch gelachet
inneclîche,
kumt iemen an daz selbe pfat.
Bî den rôsen er wol mac,
tandaradei,
merken, wâ mirz houbet lac.

Da hatte er
aus Blumen
ein prächtiges Bett vorbereitet.
Darüber wird jetzt noch
herzlich gelacht,
wenn jemand denselben Weg entlang kommt.
An den Rosen kann er wohl,
tandaradei,
erkennen, wo mein Haupt lag.

rîche ‚reich; prächtig‘. – des ‚dessen; darüber‘. – inneclîche ‚innig; herzlich‘. – iemen ‚irgendjemand‘. – pfat ‚Pfad; Weg‘. – ‚bei; an‘. – mac ‚kann‘. – mirz = mir daz ‚mir das‘.

Daz er bî mir læge,
wessez iemen
(nû enwelle got!), sô schamt ich mich.
Wes er mit mir pflæge,
niemer niemen
bevinde daz, wan er und ich,
und ein kleinez vogellîn -
tandaradei,
daz mac wol getriuwe sîn.

Dass er bei mir lag,
wüsste das jemand
(das wolle Gott nicht!), dann würde ich mich schämen.
Was er mit mir tat,
das soll nie jemand
erfahren, außer er und ich,
und ein kleines Vöglein,
tandaradei,
das kann wohl verschwiegen sein.

wessez = wesse ez ‚wüsste es‘. – en-welle ‚wolle nicht‘ (en-: Verneinungspartikel). -wan ‚außer‘. - mac ‚kann‘. – getriuwe ‚treu‘. - ‚das kann wohl verschwiegen sein‘ = ‚versteht sich wohl auf Verschwiegenheit‘.

Unmutston

Ahî, wie kristenlîche nû der bâbest lachet,
swenne er sînen Walhen seit ‚ich hânz alsô gemachet‘!
(Daz er dâ seit, des solt er niemer hân gedâht).
Er giht ‚ich hân zwêne Allamân undr eine krône brâht,
daz si daz rîche suln stœren und wasten.
Ie dar under fülle ich die kasten:
ich hân si an mînen stoc gemenet, ir guot ist allez mîn:
ir tiuschez silber vert in mînen welschen schrîn.
Ir pfaffen, ezzet hüener unde trinket wîn,
unde lât die tiutschen <....> vasten.‘

Ahi, wie christlich jetzt der Papst lacht,
wenn er seinen Italienern sagt, ‚Gut habe ich es gemacht‘!
(Das was er da sagt, das hätte er nie denken sollen).
Er sagt ‚Ich habe zwei Alemanni unter eine Krone gebracht,
damit sie das Reich zerstören und verwüsten.
Inzwischen fülle ich die Kasten:
ich habe sie an meinen Opferstock getrieben, ihr Gut gehört alles mir;
ihr deutsches Silber fährt in meinen welschen Schrein.
Ihr Pfaffen, esst Hühner und trinkt Wein,
und lasst die deutschen <Laien ...> fasten.‘

Walh ‚Welscher; Romane‘ (hier für ‚Italiener‘). - seit = saget ‚sagt‘. - hânz = hân ez ‚habe es‘. - alsô ‚so‘. - daz ‚das, was‘. - des ‚dessen‘ = ‚an das‘. - hân gedâht ‚gedacht haben‘. - giht ‚sagt‘. - Allamân italienische Bezeichnung für ‚Deutsche‘. - wasten ‚verwüsten‘. - menen ‚vorwärts treiben und führen‘.

Saget an, hêr Stoc, hât iuch der bâbest her gesendet,
daz ir in rîchet und uns Tiuschen ermet unde swendet?
Swenne im diu volle mâze kumt ze Laterân,
sô tuot er einen argen list, als er ê hât getân:
Er seit uns danne, wie daz rîche stê verwarren,
unz in erfüllent aber alle pfarren.
Ich wæne, des silbers wênic kumt ze helfe in gotes lant:
grôzen hort zerteilet selten pfaffen hant.
Hêr Stoc, ir sît ûf schaden her gesant,
daz ir ûz tiuschen liuten suochet tœrinnen und narren.

Sagt an, Herr Opferstock, hat Euch der Papst hergesandt,
damit Ihr ihn reich macht und uns Deutsche arm macht und auszehrt?
Jedesmal wenn ihm die volle Länge in den Lateran kommt,
pflegt er ein arges Kunststück zu vollführen:
er sagt uns dann, dass die Ordnung im Reich darniederliegt,
solange bis ihn alle Pfarren aufs Neue füllen.
Ich glaube, von dem Silber kommt wenig zur Hilfe ins heilige Land,
denn Kleriker pflegen keine großen Schätze herzuschenken.
Herr Stock, Ihr seid hergeschickt, um Schaden zu bringen
und unter den Deutschen Törinnen und Narren zu suchen.

stoc ‚Holzstock; Opferstock aus Holz‘. - daz ‚sodass; damit‘. - in ‚ihn‘. - rîchen ‚reich machen; bereichern‘. - ermen ‚arm machen‘. - swenden ‚zum Schwinden bringen‘; Kausativ zu swinden. - swenne ‚jedesmal wenn‘. im ‚ihm‘. mâze ‚Maß‘. - list ‚Kunststück‘. - ê ‚vorher‘. -‚er tut, wie er vorher getan hat‘ = ‚er tut wie immer; er pflegt so zu tun‘. - verwarren ‚verworren‘. - unz ‚so lange, bis‘. - aber ‚abermals; wiederum‘. - wænen ‚wähnen; vermuten‘. - hort ‚Hort; Schatz‘. - zerteilen ‚aufteilen‘ (um ihn zu verschenken). - selten Ironie für ‚nie‘. - pfaffen hant ‚die Hand von Pfaffen (Klerikern)‘. - ûf schaden ‚auf Schaden‘ = ‚um Schaden zu stiften‘.


Walther von der Vogelweide ca. um 1170 (Geburtsort unbekannt) bis ca. † um 1230, möglicherweise in Würzburg)

Quelle: Wikipedia und nachbearbeitet 

Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd.1, S.450-452.

Deutsche Dichtung des Mittelalters, Bd.1, S. 650-652, mit Melodie und Original-Blatt.